Erstes Jahr Bildungsbuddies

News vom 11.05.2021

„Das kann ja nicht echt sein!“, dachte Karina Dell vor etwas über einem Jahr, als sie von unserem Projekt „Bildungsbuddies“ erfuhr, über das in Zeitungen und Radio berichtet wurde: Studenten der Hochschule Bremerhaven verbringen Zeit mit den Schülern und Schülerinnen der Schule am Ernst-Reuter-Platz (ERNST!), um ihnen ein Vorbild beim Lernen und bei der Freizeitgestaltung zu sein – dafür dürfen sie kostenlos in einem Studierendenhaus der STÄWOG wohnen. Trotz ihrer Ungläubigkeit hakte Karina Dell nach. Aus Osterholz-Scharmbeck konnte sie zwar gut mit der Bahn zur Hochschule fahren, um dort Logistik und Transportwesen zu studieren, doch wollte die damals 20-Jährige endlich das eigenständige Leben außerhalb ihres Elternhauses kennenlernen. Das Projekt überzeugte Karina Dell, weil es die Lernpatenschaften mit dem Freizeitleben der Kinder verbindet. 

Lehren und Lernen

Karina Dell fühlte sich gleich zu Beginn des Projekts gut an die Hand genommen. Sie wurde in den Schulalltag der 5. bis 7. Klassen einbezogen und konnte sich bei Fragen jederzeit an die Lehrkräfte wenden. „Ich bin ganz offen da rangegangen und ich glaube, das ist auch wichtig“, sagt Karina Dell. Im Vorfeld hatte sie gehört, dass „die Kinder in Lehe anders sind“, und stellt fest: „Wenn man selbst freundlich ist, versteht man sich mit allen super.“ Sie unterstützte die Kinder bei den Schulaufgaben und lernte sie so kennen. 

Die Bildungsbuddies veranstalteten Freizeitaktivitäten und lernten dabei selbst viel von den Kindern: neue Tänze, die Feinheiten von Social-Media und das Wissen um geheime Ecken in Bremerhaven. Eine besondere Herausforderung gab es auch: „Es wurde zu freundschaftlich und plötzlich bekam ich nachts Anrufe.“ Es fiel ihr erst schwer, ihre Grenze zu setzen, doch sie lernte es. „Außerdem kann ich mich jetzt besser in andere Menschen einfühlen und habe viel Geduld gelernt“, fügt sie an. 

Was man mit Geduld erreichen kann

Im Sommer standen die Freizeitaktivitäten im Vordergrund, ab Herbst saß Karina Dell regelmäßig mit in einer Klasse, unterstützte zwei Kinder bei der Konzentration auf den Unterricht und stand den Schülern und Schülerinnen beim Bearbeiten der Aufgaben für Fragen zur Verfügung. Doch dafür müssen die Schüler und Schülerinnen ja erstmal bereit sein, ihre Aufgaben zu machen! Genau an dem Punkt hakte es bei einem Schüler der fünften Klasse: „Er hat Mathe gehasst. Er hat nichts gemacht und immer nur diskutiert.“ Karina Dell blieb geduldig und diskutierte mit ihm, hatte aber nicht den Eindruck, dabei Fortschritte zu erzielen. Sie hatte sich gerade auf ein weiteres Treffen mit fruchtlosen Diskussionen eingestimmt. Doch manchmal bewirkt man etwas, ohne es in dem Moment zu bemerken. So kam er herein und sagte zur Begrüßung: „Karina, mach schon mal den Laptop an. Ich hole mir etwas zu trinken und dann machen wir Mathe!“ Verblüfft bereitete sie alles vor und die beiden begannen. Kurz darauf stellte er fest: „Das ist ja gar nicht so schlimm!“. Die Überraschung über die plötzliche Auflösung der Schwierigkeit ist Karina Dell noch anzuhören, wenn sie davon erzählt. Fassen kann sie es nicht, aber sie ist begeistert über die Entwicklung. Welche Spuren mag sie bei den Schülern und Schülerinnen noch hinterlassen haben, die ihr gar nicht bewusst sind? 

Corona eröffnet neue Wege

„Als wir das Projekt begonnen haben, war es anders geplant“, berichtet Marion Oehmsen, Mitarbeiterin unseres Netzwerks. Doch dann kam Corona. „Die Bildungsbuddies haben sich flexibel und spontan gezeigt und alles toll hinbekommen“, so Oehmsen. „Sie haben sich am Bedarf orientiert.“ Der Bedarf war groß, denn der normale Schulalltag fehlte den Schülern und Schülerinnen. In kleinen Gruppen waren Aktivitäten möglich, die Bildungsbuddies haben sie im Schulgarten oder im Goethequartier getroffen. „Durch die Offenheit des Projekts wurden uns viele Mittel geboten, unsere eigenen Ideen umzusetzen“, erzählt Karina Dell. Eine Tik-Tok-Gruppe mit Tanz-Videos, Basteln im Gruppenraum des Studierendenwohnheims, Gartenarbeit und Fotoshootings – Ideen gab es genug.
Nicole Wind, Schulleiterin der ERNST!, fasst es zusammen: „Die Bildungsbuddies haben das aus dem Projekt gemacht, was es ist. Und das ist gut so.“ Die persönliche Zuwendung bewirkt oft schon viel, denn das fehlt den Kindern: jemand, der an sie glaubt und sie ermutigt. In den Klassenräumen ist eine zweite Bezugsperson eine Hilfe für die Lehrkraft und die Schüler und Schülerinnen. Die Atmosphäre ist aufgeweckter, die Schüler und Schülerinnen haben mehr Lust aufs Lernen.

Und wie geht's weiter?

Im April 2020 begann das Projekt mit fünf Bildungsbuddies. Bereits im Laufe des Jahres übernahm die Dieckell Stiftung die Förderung für einen sechsten Bildungsbuddy. Außerdem ist unser Netzwerk dankbar, dass die Dieckell Stiftung ein zweites Finanzierungsjahr zugesagt hat. Das Projekt kann also fortgeführt werden!

Karina Dell zieht jetzt wieder zu ihren Eltern, um ihre ganze Energie in den Abschluss ihres Studiums zu stecken und Erfahrungen in ihrem zukünftigen Beruf zu sammeln.
Der freie Platz als Bildungsbuddy musste nicht mehr über die Medien beworben werden, denn unser Projekt ist an der Hochschule Bremerhaven so bekannt, dass sich gleich zwei Studenten vorgestellt haben, um die Nachfolge von Karina Dell anzutreten. Die Auswahl fiel schwer, denn beide überzeugten. Und so fanden Nicole Wind und Marion Oehmsen einen Weg, beide an der ERNST! einzusetzen: einen als Bildungsbuddy und einen als pädagogischen Mitarbeiter.

 

Text Janina Berger, Fotos Christof Meier

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